
Mit der Trance
GEGEN DEN SCHMERZ
Medizinische Hypnose hilft bei vielen Symptomen. Dazu zählen Suchterkrankungen, chronische Schmerzen oder Schlafprobleme. Bei bestimmten Anwendungen kann sie auch die Vollnarkose ersetzen, wie ein spektakulärer Fall am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt zeigte.

Dr. med. Rupert Reichart
DIE GESCHICHTE DER MEDIZINISCHEN HYPNOSE: Bereits seit Urzeiten begeben sich Menschen durch Hilfsmittel in Trancezustände. Erstmals setzte der schwäbisch-österreichische Arzt Franz Anton Mesmer in den 1770er Jahren Hypnose wissenschaftlich ein, indem er Patientinnen und Patienten mit Berührungen und aufgelegten Magneten in Trance versetzte.
Nach einem großen Aufschwung rückte die medizinische Hypnose ab 1900 wegen der Hinwendung zu eher körperbezogenen und neuropathologischen Therapieformen in den Hintergrund. Der US-amerikanische Psychologe Milton H. Erickson führte sie ab Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Renaissance, die bis heute anhält.
„Bei Hypnose denken viele an Bühnenshows“, so Dr. Rupert Reichart, Oberarzt und leitender Arzt für Schmerztherapie, am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt. „Aber die medizinische Hypnose ist wissenschaftlich anerkannt und wird schon lange im Rahmen vieler Therapien erfolgreich eingesetzt.“ Wirksam in vielen Bereichen
„Sie wirkt beispielsweise gut bei Geburtsvorbereitung, zur Gewichtsreduktion, Raucherentwöhnung und bei der Behandlung bestimmter Ängste“, unterstreicht Dr. Reichart. „Viele Patienten wissen gar nicht, dass Hypnose Baustein einer seriösen Therapie sein kann.“
Daher leistet der Mediziner viel Aufklärungsarbeit – auch, um Vorbehalte abzubauen. „Manche Menschen haben Angst, dass Hypnose sie manipuliert, dass etwas passiert, was sie nicht mitbekommen. Oder, dass man vielleicht auch nicht mehr aufwacht.“ Er setzt medizinische Hypnose vor allem bei kleineren Operationen sowie der Therapie chronischer Schmerzen, ein.
Hypnose als Baustein der Schmerztherapie
In Deutschland leiden aktuell rund 23 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Die Bandbreite der Symptome ist sehr groß und reicht von dauerhaften Rückenschmerzen bis hin zu Phantomschmerzen bei amputierten Gliedmaßen. Die Lebensqualität der Betroffenen ist oft erheblich eingeschränkt.
Medizinische Hypnose kann helfen, Entspannung zu finden, das Schmerzempfinden zu reduzieren oder den Schmerz zu kontrollieren. „Sie ist allerdings kein Allheilmittel“, unterstreicht der Mediziner, „sondern ist in der Regel Teil einer multimodalen Behandlung, bei der unterschiedliche Verfahren, wie Psycho-, Physio- und medikamentöse Therapien Anwendung finden können.“
Mittel zur Selbsthilfe
Für schmerzgeplagte Menschen kann die medizinische Hypnose ein wahrer Segen sein. Sie hilft in vielen Fällen, die Lebensqualität zu verbessern und auch starke Schmerzsymptome zu lindern. Dadurch kann auf Medikamente mitsamt ihren Nebenwirkungen verzichtet werden. Auch so mancher Arztbesuch kann dadurch entfallen.
„Eines meiner Ziele ist es, Schmerzpatientinnen und -patienten die Fähigkeit zur Selbsthypnose zu geben“, so der Oberarzt. „Damit sie in der Lage sind, zu Hause eigene Hypnoseverfahren anzuwenden.“ Wie schnell ein Mensch das Prinzip der Selbsthypnose lernt, ist individuell unterschiedlich. „Manche Patientinnen und Patienten sind bereits nach wenigen, geleiteten Sitzungen dazu in der Lage.“
Allerdings muss die Selbsthypnose – wie ein Muskel – regelmäßig trainiert werden. „Patientinnen und Patienten müssen am Ball bleiben, um die Fähigkeiten zur Selbsthypnose nicht zu verlieren“, betont der Neurochirurg. Dazu gibt er auch im weiteren Verlauf der Therapie Hilfestellung: „Wenn Patienten unsicher sind, oder Fragen zur Selbsthypnose haben, frischen wir ihre Kenntnisse in geleiteten Hypnosesitzungen wieder auf.“
Hypnose statt Narkose
Wie wirkungsvoll medizinische Hypnose sein kann, zeigt eine Tumor-Operation, die im August 2021 für Furore gesorgt hat: Einem Patienten wurde am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt erfolgreich ein Tumor entfernt, der mitten im Sprachzentrum des Gehirns lag.
„Gesundes Gewebe in solch sensiblen Bereich darf nicht verletzt werden, damit die Sprachfähigkeit des Patienten erhalten bleibt", erläutert Dr. Reichart. „Daher bleibt der Patient wach und wir reden während der Operation mit ihm. Verschlechtert sich sein Sprachbild, wissen wir sofort, dass wir in einem gefährdeten Bereich arbeiten.“
Der Clou bei dieser Operation: Statt einer Narkose wurde der Patient zur Öffnung des Schädels mittels Hypnose in Trance versetzt, weil ein Narkosemittel Auswirkungen auf die wichtigen Sprachtests während der Operation gehabt hätte. Lediglich die Kopfhaut wurde für den Eingriff lokal betäubt.
Umfangreiche Ausbildung ist Pflicht
Anders als die Showhypnose auf der Bühne setzt die medizinische Hypnose eine mehrjährige, fachliche Ausbildung voraus. „Ich kam damit während einer Schulung zu interdisziplinärer Schmerztherapie in Berührung“, erinnert sich Dr. Reichart an seine Anfänge beim Thema Hypnose. „Die Ergebnisse, unter anderem durch eine eigene Hypnotisierung, haben mich begeistert!“
Für Menschen, die Angst vor der Hypnose haben, hat der Mediziner noch eine Überraschung parat: „Jeder von uns befindet sich täglich in Trancezuständen, zum Beispiel in den Phasen kurz vor dem Einschlafen und dem Aufwachen.“
WEITERE INFORMATIONEN ZUM THEMA MEDIZINISCHE HYPNOSE: Rund um das Thema Hypnose gibt es viele Angebote. Darin adäquate medizinische Therapien und fachliche, fundierte Therapeuten zu finden, ist mitunter nicht einfach. Die Milton H. Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose e. V. bietet Interessierten umfangreiches Informationsmaterial für Therapie und Ausbildung sowie Antworten auf häufig gestellte Fragen. www.meg-hypnose.de