ZUSAMMEN GELACHT

und geweint

Wohl für jeden Betroffenen ist die Diagnose nicht leicht zu verarbeiten. Auch Günther Schmitt erging es so. Heute ist er überzeugt: „Ich habe noch gute Jahre vor mir.“

Wir waren eine ganz normale Intermediate Care-, also Akut­über­wa­chungs-Station, die Patienten stunden- oder tageweise nach einer Operation betreut. Heute versorgen wir Covid-Pa­tienten aus allen Fachabteilungen, mit unterschiedlichem Grad ihrer Grund­er­krankungen. Daraus sind unter­schied­liche Behandlungsformen und Pflege­auf­wände entstanden. Mit keiner Situation bisher zu vergleichen

Vorher kannten wir unsere Arbeitsabläufe wie im Schlaf und vor allem, welche Be­handlung die beste für unsere Pa­tien­ten ist. Als die Pandemie losging, gab es von einem auf den anderen Tag keinen rou­ti­nierten, strukturierten Alltag mehr. Für die neue Covid-Station wurde unser Team mit Kolleginnen aus verschiedenen Ab­tei­lungen des Hauses zusammengestellt. Zum Teil kannten wir uns gar nicht. Die Erfahrungen und Qualifikationen waren sehr unterschiedlich. Was sich am Ende aber bezahlt gemacht hat: Wir profitierten und lernten von unseren verschiedenen Fachkenntnissen, so konnten wir uns immer gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Wir alle standen einem neuen Virus ge­genüber, dessen Auswirkungen keiner kannte. Wir hatten schwer kranke Pa­tien­ten, deren Verlauf wir nicht kannten, nicht einschätzen konnten und nicht wussten, was ihnen hilft. Wir konnten auch keine Experten zu Rate ziehen, das wusste ja weltweit niemand. Wir mussten uns sel­ber helfen. Die Pandemie war mit keiner Situation vorher zu vergleichen. An einem Tag hatten wir oft vier bis fünf Tote, das überstieg jegliche Vorstellungskraft, das war schlimm. Der Tod gehört für uns nor­malerweise dazu, aber über das Ausmaß waren wir alle fassungslos.

„Ich bin jedem einzelnen hier, der mit uns gekämpft hat, dankbar.“

Carolin Papra

Für jeden einzelnen gekämpft

Unser Ziel war es, unsere Patienten so gut wie möglich, ohne leiden zu müssen, zu begleiten und wenn es am Ende nur ein Handhalten war. Wir waren auch Familienersatz, da Besuche nicht erlaubt waren. Aber wir haben die Heraus­for­de­rung angenommen und gekämpft. Für jeden einzelnen Patienten und seine Angehörigen.

Wir mussten erleben, wie das Virus gan­ze Familien auslöschte, Ehepaare, die sich gegenseitig Halt und Trost gaben und den Partner bis in den Tod be­glei­teten. Anfangs hatten wir auch Angst um uns selbst und um unsere Familien. Un­sere Hygieneabteilung hat uns durch Schu­lungen gut vorbereitet, dass wir mit der Zeit wussten, sicherer kann man nicht arbeiten. Impfung brachte Erleichterung

Kraft geschöpft haben wir aus unserem Zusammenhalt sowie der Wertschätzung durch Patienten und den Postkarten und Briefen ihrer Familien. Die Gespräche im Team haben auch sehr geholfen. Das hat uns zusammengeschweißt.

Unsere Hoffnungen setzten wir von Anfang an ganz klar auf einen Impfstoff. Wir haben mit den Varianten mehrere Wellen durchlaufen, die stets andere Anforderungen für uns in der Pflege und Therapie mit sich brachten. Jetzt haben wir mehr Geimpfte. Das merkt man bei uns deutlich. Es ist immer ein toller Mo­ment, wenn ein Patient nach einem schwe­ren, wochenlangen, gemeinsamen Kampf nach Hause darf. Da wurde auch mal mit einer Schwester ein Walzer ge­­wagt.

Die Reaktionen der Corona-Leugner haben uns einfach nur wütend gemacht. Verstanden hat das keiner von uns. Bis heute nicht. Das hat leider auch Kraft gekostet.

Über die eigenen Grenzen hinaus

Ohne unseren Humor und unsere Em­pathie wäre das alles nicht möglich ge­wesen. Wir haben zusammen gelacht, aber auch geweint und uns gegenseitig Trost gespendet, wenn die Situation un­erträglich wurde. Viele von uns kamen an ihre physischen und auch psychischen Grenzen und sogar darüber hinaus. Aber wir haben es geschafft. Dieses intensive Miteinander war einzigartig. Ich bin jedem einzelnen hier, der mit uns gekämpft hat, dankbar und bin stolz auf jeden, ob er­fahrene oder junge Kolleginnen, Rei­ni­gungs- und Servicekraft oder unsere Therapeuten. Wir wissen, wie schwer das Leben manchmal sein kann.

Durch unser erlerntes, neues Fachwissen und das Sammeln solcher Erfahrungen, ist in Zukunft jeder von uns eine Be­rei­cherung für seine Heimatstation und un­seren Campus. Die Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen hier am Cam­pus war immer professionell und res­pekt­voll. Wir sind sehr dankbar für die Unter­stützung in dieser Zeit, denn uns ist be­wusst, dass dadurch in den anderen Be­reichen viele Einschnitte stattgefunden haben.

Die zahlreichen Briefe und Postkarten von Patienten und ihren Familien haben dem Team auf der Covid-Station viel Kraft gegeben.