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Handchirurgen helfen Himmelsstürmerin

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Klinik für Handchirurgie Bad Neustadt | 02.10.2013

Handchirurgen helfen Himmelsstürmerin

Eine ganz besondere Patientin haben die Ärzte der Klinik für Handchirurgie in den vergangenen Tagen in Bad Neustadt a.d. Saale behandelt. Die achtzehnjährige Lydia ist in ihrer Heimat Ghana eine wahre Himmelstürmerin und dies obwohl sowohl ihr rechter Arm als auch ihre Hand deformiert sind. Als Pilotin eines Ultra-Leicht-Flugzeugs bringt sie Medizin und Gesundheitsinformationen in entlegene Dörfer ihrer Heimat. Professor Dr. med. Jörg van Schoonhoven, Chefarzt der Klinik für Handchirurgie in Bad Neustadt, und Professor Dr. med. Ulrich Lanz, ehemaliger Chefarzt der Klinik für Handchirurgie, konnten in einer mehrstündigen Operation die Fehlstellung ihrer Hand deutlich verbessern. Durch die Korrektur wird es Lydia nach Einschätzung der Mediziner möglich sein, ihre Hand funktionell wieder besser einzusetzen.

Es war Professor Lanz, der auf die Geschichte von Lydia und das Projekt „Medicine on the Move“ aufmerksam wurde. Auf der Messe Aero in Friedrichshafen traf der passionierte Privatpilot Ute Hölscher, ebenfalls Pilotin und Vorstandsmitglied des Fördervereins Medicine on the Move Germany e.V. Diese erzählte ihm von dem Projekt des Briten Jonathan Porter, der junge ghanaische Frauen darin ausbildet Ultra-Leicht-Flugzeuge zu bauen, zu warten und zu fliegen, um aus der Luft die medizinische Aufklärung und Versorgung schwer erreichbarer Dörfer zu übernehmen. Sie berichtete ihm auch von dessen Flugschülerin, Lydia, die trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigung die Pilotenausbildung absolviert.

Lydia ist drei Jahre alt als ein Insekt ihr in den Ellenbogen sticht. Der Stich entzündet sich und ihr Ellenbogengelenk schwillt an. Das nächste Krankenhaus ist zu weit von ihrem Heimatort entfernt. Man bedient sich traditioneller Heilmethoden, die die Entzündung jedoch nicht lindern. Vielmehr breitet sie sich weiter auf Muskeln und Knochen aus. Eine Kettenreaktion beginnt, an deren Ende ein steifer Ellenbogen und eine deformierte Hand stehen. Starke Schmerzen zwingen Lydia, Arm und Hand in einem bestimmten Winkel zu halten. Nur dann sind sie erträglich. Doch selbst nach Jahren ist die Wunde nicht richtig verheilt, die Schmerzen noch immer da. Durch die jahrelange Fehlhaltung ist der Arm unbeweglich geworden, die Hand zurückgebildet. Allein ein bisschen Kraft ist in der Hand erhalten.

Über zehn Jahre später trifft der Pilot Jonathan Porter Lydia auf einem Markt in Ghana und erfährt ihre Geschichte. Er sorgt dafür, dass ein Arzt Lydia ein Antibiotikum verschreibt. Die noch immer nässende Wunde schließt sich. Gleichzeitig eröffnet sich für Lydia eine neue Perspektive. Als sie auf dem Flugplatz von Jonathan Porter behandelt wird, ist sie von den Flugzeugen begeistert und löchert den Piloten mit Fragen. Porter beschließt, die junge Frau, die trotz der geringen Kraft in ihrer Hand über eine gute Feinmotorik verfügt, als Flugschülerin aufzunehmen. Bei einem ersten Probeflug beweist Lydia: Sie hat Talent und Leidenschaft. Trotz der körperlichen Einschränkungen möchte sie Pilotin werden und damit gleich zwei Hürden überwinden. Nicht nur, dass sie als fliegende Frau in Ghana eine Besonderheit ist, als fliegende Frau mit Behinderung ist sie es noch viel mehr. Behinderungen sind in den ländlichen Regionen Ghanas noch heute oftmals ein Tabu.

Mittlerweile wurde Lydia mehrfach operiert. Die Stellung ihres Armes hat sich verbessert. Doch an die Operation ihrer Hand wagen sich die Ärzte nicht. Bis Ute Hölscher auf Professor Lanz zugeht. Fasziniert von Lydias Geschichte und überzeugt, dass man ihr in Bad Neustadt helfen kann, leitet er gemeinsam mit Professor van Schoonhoven alles Notwendige für die Operation in der Klinik für Handchirurgie in die Wege. „Wir haben uns sehr gefreut, als sich Professor Lanz und Professor van Schoonhoven bereit erklärt haben, Lydia zu operieren und die Kosten der Operation zu übernehmen“, beschreibt Ute Hölscher. „Zwar ist sie trotz ihrer eingeschränkten Motorik eine tolle Pilotin. Doch nach der Operation wird ihr das Fliegen sicherlich noch leichter fallen - von den Dingen des Alltags ganz zu schweigen.“ Die Chirurgen sind mit den ersten Ergebnissen der Operation zufrieden: „Der Eingriff ist gut verlaufen und wir können schon heute davon ausgehen, dass sich die Funktionalität der Hand deutlich verbessern wird“, erläutert Professor van Schoonhoven.

Jonathan Porter drückt seiner Schülerin aus dem fernen Afrika die Daumen. Er bildet auf seinem Flugplatz weiter Mädchen zu Gesundheitshelfern im Cockpit aus. Damit angefangen hat er 2006. Zumindest wurde damals „Medicine on the Move“ geboren. Auslöser war ein schwerer Unfall seines Sohnes, den dieser nur überlebte, weil er zurück in seine Heimat England geflogen werden konnte. In Ghana waren die Ärzte vor Ort mit den schweren Verletzungen vollkommen überfordert. Selbst an Verbandszeug fehlte es. Porter brachte seinen Sohn in das britische Militärkrankenhaus nach Accra. Von dort aus flog man ihn in seine Heimat, wo er nach einer mehrstündigen Operation und Wochen auf der Intensivstation schließlich überlebte. Dies war das Schlüsselerlebnis, das den Entwicklungshelfer und Hobby-Piloten Porter letztendlich zum Fluglehrer für junge ghanaische Frauen werden ließ.

Schon oft zuvor war er daran verzweifelt, dass er aufgrund der fehlenden Infrastruktur viele Gemeinden vor allem während der Regenzeit nicht erreichen konnte. Doch Flugzeuge scheren sich nicht um überflutete Wege und so tragen Porter und seine Mitarbeiterinnen heute aus der Luft dazu bei, die medizinische und hygienische Situation in den entlegenen Dörfern in der Nähe des Flugplatzes nachhaltig zu verbessern. Durch Informationsmaterialien mit Piktogrammen und Schulungen vermitteln sie Grundlagen der Hygiene, Maßnahmen der Erstversorgung bei Unfällen und Krankheiten sowie Kenntnisse im Betreiben einer so genannten Mini-Klinik. Ihr Engagement trägt Früchte. Daher wollen Porter und seine fliegenden Frauen es künftig weiter ausbauen. Ihr nächstes Projekt ist der Bau eines Flugzeugs, mit dem sie verletzte Personen aus den entlegenen Gemeinden in ein Krankenhaus transportieren können.

RHÖN-KLINIKUM AG
Kristin Brunner
Regionalleiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Bayern-Nord
Salzburger Leite 1
97616 Bad Neustadt a. d. Saale
Telefon (09771) 65-1596
Telefax (09771) 65-1841
E-Mail: kristin.brunner@rhoen-klinikum-ag.com
Internet: www.rhoen-klinikum-ag.com